Sehr viel mehr Glück als Spielvermögen nötig

Das Karnevalswochenende hat mir Schlimmerers beschert als ein Rosenmontagsspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern mit einem 1:1-Unentschieden als Ergebnis. Wenn von mir zu Beginn der Stunksitzung am Karnevalssamstag erwartet wird, dem leibhaftigen Hennes VIII. zuzujubeln, dann fühlt sich die Bestätigung dessen, was wir ja eigentlich schon gewusst haben, nicht mehr ganz so schlimm an. Um am Ende der Saison den dritten Platz zu erreichen, braucht es eine sehr unwahrscheinliche Verkettung von Ereignissen – mit anderen Worten: unglaubliches Glück. Auf die eigene spielerische Qualität kann sich die Mannschaft vom MSV Duisburg jedenfalls nicht verlassen.

Die erste Halbzeit habe ich gestern fast die gesamte Zeit dennoch mit großer Erleichterung erlebt. Nicht noch einmal mussten wir eine völlige Überforderung erleben, nicht noch einmal musste ich mich zwingen, trotz aller ohnmächtiger Resignation großes Unheil mitanzusehen. Die einzige Ausnahme war das kurz aufflackernde Entsetzen nach der Kaiserslauterner Großchance in der fünften Minute, bei der Tom Starke einmal mehr seine Klasse kurz vor der Linie beweisen konnte. Danach sahen wir ein ausgeglichenes, auf das Mittelfeld konzentrierte Spiel ohne Torchancen.

Eindrucksvoll war schon zu dieser ersten Halbzeit die Stimmung im Stadion. So eine Unterstützung vom Großteil der Fans in der Nordkurve – wie ich alter Wedau-Stadiongänger manchmal gerne nostalgisch-kokett sage – so eine Unterstützung kenne ich in der MSV-Arena sonst nur in besonders umkämpften Spielphasen. Schon vor dem Spiel war der Zebra-Twist neben der Schweigeminute zur besonderen Ehrerbietung gegenüber dem verstorbenen Werner „Eia“ Krämer geworden. Die „Eia“ Krämer gewidmete Zeile des Textes steht heute auch hier noch einmal zur Erinnerung und wer es gestern Abend nicht gehört hat, der muss sie sich lauter und eindringlicher gesungen vorstellen, als er es  sonst aus der MSV-Arena kennt: „Wo alle Mann, mit Helmut Rahn, sie kämpfen, greifen an, gut abgewehrt, und wieder vor, dann Krämer, Pass und Tor!“

Mit Beginn der zweiten Halbzeit wurde der MSV druckvoller. Die Mannschaft eroberte sich im Mittelfeld immer öfter den Ball, doch diese Balleroberungen führten kaum einmal zu klaren Spielzügen. Von zu vielen Zufallen war auch gestern das Angriffsspiel des MSV Duisburg abhängig. Selbst in diesem recht ausgeglichenen Spiel war zu erkennen, die Kaiserslauterner Angriffe verliefen präziser und wirkten dynamischer. Ich möchte gerne einmal erklärt bekommen, woran es liegt, dass dieses schnelle Umschalten nach der Balleroberung beim MSV Duisburg nicht zu erkennen ist. Entweder fehlt nach der Balleroberung eine Anspielstation in der Spitze, oder wenn ein freier Spieler nach der Balleroberung das Tempo beschleunigt, meist war es Srdjan Baljak, wird er zu spät angespielt und läuft deshalb ins Abseits. Die andere Variante mangelnder Torgefahr lässt sich mit Caiuby beschreiben. Er spielt Klassen besser als zu Beginn der Saison. Er gehörte zu den Spielern, die im Mittelfeld mehrmals den Ball eroberten, als die Kaiserslauterner in der Vorwärtsbewegung waren. Das machte er mit großem Einsatz und riskierte dabei oft schmerzhafte Zusammestöße mit den Gegenspielern. Er eroberte sich also den Ball und behauptete ihn sogar in der drangvollen Vorwärtsbewegung, doch die letzte Aktion misslang ihm zu oft. Sicher, Caiuby war es, der die Vorarbeit zum Ausgleich leistete, doch normalerweise kam nach eindrucksvollen Raumgewinn ein ungenaues Abspiel oder die Flanke flog hinters Tor. In meinen Augen charakterisiert seine Leistung das gestrige Spiel des MSV Duisburg in besonders typischer Weise: Sehr einsatzfreudig, mit manchmal kurz aufblitzendem Können, aber meist zu unpräzise, um torgefährlich zu werden.

Olcay Sahan geht übrigens zurzeit durch ein Tief. Kaum hatte ich nach dem Spiel gegen den FSV Frankfurt geschrieben, seine körperliche Durchsetzungsfähigkeit habe sich stabilisiert, schon war genau diese Robustheit wieder verschwunden. Gestern konnte er einem leid tun, so oft lag er ungefoult auf dem Boden, allein deshalb weil er an einem stämmigen Abwehrspieler abgeprallt war.

Natürlich fiel das Führungstor für Kaiserslautern in jener Phase, als die Hoffnung wuchs, der Verein aller Vereine könne das erste Tor erzielen. Beim Wiederanstoß sah es für einen Moment so aus, als hätten die Spieler des MSV Duisburg resigniert. Doch irgendwie haben sie es doch geschafft, sich dem entgegen zu stemmen. Vielleicht lag es daran, dass für das Gestocher im Mittelfeld kurz nach dem Tor erst mal nicht mehr als der Wille benötigt wurde, den Ball vom Gegner unbedingt zu bekommen. Diesen Willen brachten die Spieler vom MSV Duisburg wieder auf. Dann setzte sich Caiuby auf dem linken Flügel durch und flankte. Gestern wurde Srdjan Baljak noch als Torschütze angegeben, heute lese ich, es war ein Eigentor von Rodnei. Danach waren beide Mannschaften noch bemüht, das Siegtor zu schießen. Allerdings waren bei meinen weiten Blick auf das gegenüberliegende Tor von Tom Starke meine Sorgen vor dem Gegentreffer größer als die Hoffnung auf das Siegtor des Vereins aller Vereine. Richtig gefährlich wurde es für Kaiserslautern jedenfalls nicht mehr.

Es war eine komische Stimmung, in der ich nach Köln zurück gefahren bin. Da machte sich geballter Alltag bemerkbar und störte mein Wohlbefinden. Bei mir meldet sich ja die Karnevals-Abschiedsmelancholie bereits am Sonntagabend, auch wenn der Rosenmontag gemeinhin als Höhepunkt des ganzen Feierns gilt. Diese Stimmung paarte sich nun sowohl mit Aufstiegsabschiedsgedanken als auch mit Unsicherheit im Vertrauen gegenüber der MSV-Führung im besonderen und grundsätzlichem Fußballkulturpessimismus im allgemeinen. Dass ich dann doch guter Dinge in Köln angekommen bin, liegt an meinem Imi-Dasein und dem unbedingten Glauben daran, dass noch immer alles gut gegangen ist. Ein wenig Kümmern muss man sich allerdings dennoch drum, um dieses Gutgehen, sagt der Duisburger in mir.

4 Antworten to “Sehr viel mehr Glück als Spielvermögen nötig”


  1. 1 jekylla 16. Februar 2010 um 12:01

    Sie können davon ausgehen, dass gestern etliche braun-weiße Daumen für die Zebras gedrückt waren.

    Davon abgesehen hatte ich Duisburg eigentlich in der zweiten Halbzeit das Führungstor zugetraut, zumindest kämpferisch hat Ihre Mannschaft sich eingesetzt. Sollte wohl nicht mehr sein.

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  2. 2 Kees Jaratz 16. Februar 2010 um 12:11

    Ich glaub´s wohl gern.
    Und dass der Führungstreffer auf der anderen Seite fiel, passt nur ins Bild: Bemüht. Dass der kölsche Grundoptimist in mir sich dennoch immer wieder mit dem Duisburger Realisten aufs Kunstvollste zu einer positiven Gesamtstimmung ausbalanciert, wissen Sie ja wahrscheinlich inzwischen.

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  1. 1 Liga-Alltag während der WM für Mainz und Ben-Hatira « Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus Trackback zu 15. Juni 2010 um 08:57

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