Kartenlegen statt Recherche und ein Jugendzimmerfundstück

Gestern habe ich bei meiner Mutter einen Blick in die Printausgabe der NRZ werfen können und tatsächlich nimmt dieser unsägliche Kartenlegerin-Artikel über den MSV Duisburg, den ich zuvor schon online gesehen hatte, auch in der Printausgabe ein Viertel der zweiten Seite im Lokalteil ein. Ich hatte gehofft, dem sei nicht so, und ich bedauer nun die ernsthaften Journalisten der Redaktion für die Aussicht auf die Zukunft dieser Zeitung. Und komme mir keiner aus der Redaktion mit der alten Leier, die Leser wollten auch mal bunte Themen.

Mit diesem Artikel werden sämtliche journalistischen Standards unterboten, auch der für „Bunte-Themen-für-die-Leser“. Denn selbst wenn ich zähneknirschend so etwas unter dem Motto „vermutetes Unterhaltungsbedürfnis“ hinnehmen soll, der Zeitpunkt für das Erscheinen passt überhaupt nicht. Der MSV Duisburg befindet sich erneut in einer bedrohlichen Finanzsituation und den Lesern der Zeitung wird als zusätzliche Hintergrundinformation das Fachwissen einer Kartenlegerin geboten, die ihr umfängliches Wissen aus der Quersumme des Gründungsdatums vom MSV Duisburg entnimmt. Werden demnächst im Hauptteil, Sparte Politik, auch die Meinungen von Wünschelrutengängern und Druiden zu Koalitionverhandlungen und Staatsschulden nachgefragt?

Heute, einen Tag nach Erscheinen dieses Artikels trifft sich eine Delegation des MSV Duisburg mit Walter Hellmich. Das Weiterbestehen des MSV Duisburg hängt davon ab, ob Walter Hellmich dem Schuldenschnitt zustimmt oder nicht. Und kein Medium nimmt das zum Anlass, noch einmal sämtliche Fakten zusammen zu stellen, die dieses Treffen so brisant machen. Ein Dossier hätte erstellt werden können, um die überaus komplizierte Geschichte von Walter Hellmich mit dem MSV Duisburg verständlicher zu machen.

Man hätte die gemeinsame Interessenlage von Walter Hellmich und dem MSV Duisburg zu Beginn seines Engagements aufzeigen können. Diese Zeit schuf die Grundlage für Walter Hellmichs unerschütterbaren Glauben, der MSV Duisburg habe ihm mehr zu verdanken als er dem MSV Duisburg. Man hätte auf die damals so nahe liegende Allmachtkonstruktion hinweisen können, die selbstverständlich zu Schwierigkeiten führt, wenn die Interessenlagen von Person und Verein sich voneinander entfernen. Man hätte dann versuchen können, genauer zu benennen, was Walter Hellmich auch dem MSV Duisburg zu verdanken hat und umgekehrt. All das hätte zu der von allen Beteiligten immer wieder geforderten Transparenz beigetragen. Stattdessen erfahren wir, die Gründungsdatum-Quersumme steht laut Kartenlegerin für „Doppelte Sonne“. Klingt irgenwie gut. Wie man es von Kartenlegerinnen erwarten darf.

Was WAZ/NRZ kann, kann ich übrigens besser. Wenn schon Leserbindung, dann mit den richtigen Mitteln, die nicht zum Thema gehören. Deshalb nun zu etwas ganz anderem: Neulich habe ich eine Umzugskiste mit altem Kram von meinem Vater zu mir geholt und was finde ich? Ein Original-Jugendzimmer-Schlafcouch-Dekokissen der 1970er Jahre. Bitte schön!

2013-10-15_MSV_Kissen 001b

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5 Responses to “Kartenlegen statt Recherche und ein Jugendzimmerfundstück”


  1. 1 Trainer Baade 15. Oktober 2013 um 11:32

    Im Lokalteil, also nicht im Lokalsportteil, muss man das wohl unter Buntes verzeihen. Es ist ja nicht das Sportressort und deshalb hat die Dame der WAZ den MSV so zum Anlass genommen, irgendetwas Anderes mit Inhalt zu füllen, wie ihn viele in ihr Leben integrieren: als Buntes, mit dem man sich und sein Leben schmückt, ohne sich näher für Hintergründe zu interessieren.

    Ich verstehe Deinen Zorn, weil ein solches Dossier wirklich angebracht wäre und leider fehlt – aber eben im Sportteil. Auf allen anderen Seiten ist es doch eher von Vorteil, wenn der MSV überhaupt erwähnt wird.

  2. 2 Kees Jaratz 15. Oktober 2013 um 12:16

    Zu einem anderen Zeitpunkt hätte ich das Bedienen des Unterhaltungsbedürfnisses auch akzeptiert, wenn auch nicht begrüßt, weil der Artikel selbst mir zu ernst daherkommt.
    Im Moment steht aber an anderer Stelle im Blatt, wie bedroht die Zukunft des MSV ist. Deshalb empfinde ich den Artikel auch außerhalb des Sportteils als unpassend. Erwähnung fand der MSV ja übrigens schon auf den restlichen Dreiviertel der Seite, mit dem menschelnden Thema des Fan-Anleihekaufs auch vollkommen passend.


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