Wollen reicht nicht, um es auch zu können

Etwa zehn Minuten vor Spielende zerriss etwas in mir. Wäre ich ohne meine Freunde im Stadion gewesen, vielleicht wäre ich schreiend vor die Köpi gelaufen, wäre dort wie ein eingesperrtes Raubtier hin- und hergerannt, hätte mich zwischendurch hingeschmissen und mit den Fäusten auf den Boden getrommelt. Ich hasste diese Ohnmacht, gegen den Rückstand nichts ausrichten zu können. Ich hasste den Fußball in dem Moment. Mich empörte das Gegentor als unfassbare Ungerechtigkeit. Ich hasste es, diesen verdammten Ball nicht in das Tor der Frankfurter schreien zu können. Ich verdammte das Schicksal. Ich war mit den Freunden dort, sagte etwas, was ich nicht mehr weiß, hörte beruhigende Worte, die ich nicht mehr wiedergeben kann und blieb ausgelaugt und ratlos bis zum Schlusspfiff stehen.

Null zu eins lag der MSV zurück. Ich hatte keine Hoffnung mehr auf den Ausgleich. Diese Hoffnungslosigkeit war Selbstschutz. Wie sollte diese Mannschaft in dem Spiel je ein Tor erzielen? Mit dem Anpfiff war eine Mannschaft zu sehen gewesen, die das Spiel bestimmen wollte. Bis auf die Ränge war zu spüren, diese Mannschaft des MSV will gewinnen. Das war auch an der offensiven Aufstellung abzulesen.

Die Spieler liefen viel und erstickten fast alle Frankfurter Angriffsversuche im Keim. Entweder ging es schnell und steil über die Flügel in die Frankfurter Hälfte. Immer wieder wurde aber auch ansehnlich kombiniert. Das Ergebnis war deutlich mehr Ballbesitz für den MSV und ein FSV, der vorsichtiger zu werden schien. Bei all dem schaffte es der MSV nur einmal, den Ball annährend gefährlich auf das Frankfurter Tor zu bekommen. Gefährlich bedeutet, nach einer Kopfballweitergabe stand Stanislav Iljutcenko am langen Pfosten im Fünfmeterraum für einen weiteren Kopfball vollkommen frei. Er köpfte genau auf den Torwart.

Für all den Einsatz blieb der MSV zu harmlos. Zu dem Zeitpunkt begannen unsere Sorgen. Wenn schon jetzt keine Torgefahr entstand, wie sollte das erst zum Spielende einer müder gewordenen Mannschaft gelingen? Die Sorgen wurden noch größer, als der FSV Frankfurt mit sehr viel weniger Anstrengung das Führungstor erzielte. Ein Eckstoß konnte nicht entscheidend geklärt werden. Der Ball fiel im Fünfmeterraum auf den Boden. Aus dem Rückraum rutschte von irgendwoher ein Frankfurter zum Ball und schoss ihn halb im Liegen ein.

Dem Entsetzen auf den Rängen entsprach die Niedergeschlagenheit auf dem Spielfeld. Immer wieder erlebt die Mannschaft bei all ihrem Einsatz statt des Erfolgserlebnis den Rückschlag. Die Halbzeit wurde leidlich zu Ende gespielt. Der Schiedsrichter bot ein Ventil für alle unliebsamen Gefühle. Es waren keine Fehler bei den großen Entscheidungen, es waren die kleinen Momente des Spiels die ärgerten, wenn er den gleichzeitigen Körperkontakt im Zweifel für dahin sinkende Frankfurter pfiff.

Der MSV fand auch in der zweiten Halbzeit keine Mittel, den FSV dauerhaft unter Druck zu setzen. Feltschers Flankenläufe alleine schafften keine Torgefahr, da der Strafraum überfüllt war mit kopfballstarken Frankfurter Spielern. Diese Flankenversuche hätten variiert werden müssen. Das vergebliche Bemühen wirkte zermürbend. Wenn schon ich ohne körperliche Anstrengung mutlos auf meinem Stehplatz werde, wie muss es erst den Spielern ergehen, die für eine Chance so viel arbeiten. Wuchs die Hoffnung auf die Ausgleichschance einmal, erwarteten wir sehnsüchtig, dass der Torwart des Gegners überhaupt einmal eingreifen musste, dann erstarb diese Hoffnung auf halbem Weg. Der Durchbruch von Onuegbu gelang doch nicht, der freie Schuss von Holland ging am Tor vorbei, die Freistöße am Rand des Elfmeterraums ebenfalls.

Wenn der Selbstschutz Hoffnungslosigkeit für die Offensive funktioniert, gibt es immer noch eine Hintertür für grimmigen Ärger. Schließlich gab es noch Defensivaktionen des MSV. Ein Pressing der Frankfurter nach einer Balleroberung wollte die Mannschaft spielerisch lösen. Michael Ratajczak passte in die gefährlichste Zone des Spiels überhaupt, zentral außerhalb des Strafraums, was wunderbar ist, wenn der Ball genau gespielt wird. Der schnelle Gegenangriff über das zentrale Mittelfeld wäre dann möglich. Genaues Zuspielen ist Michael Ratajczaks Sache nur selten. Ein Frankfurter Spieler nahm den Ball problemlos auf, schon waren Spieler und Ball wieder zurück nahe dem Duisburger Strafraum, wo ihn der hinterherrennende Tim Albutat mit eingesprungener Kampfsportgrätsche von hinten ummähte. Rot für Albutat  Ärger auf ihn und Ratajczak für mich.

Wie steckt die Mannschaft solch eine Erfahrung weg? So sehr fühlte sich dieses Spiel danach an, als ob sie wolle, aber nicht könne. Wieder hören wir in der Pressekonferenz nach dem Spiel den Trainer des Gegners sagen, wer so spielt wie der MSV, muss Ruhe bewahren, dann wird er auch belohnt. Schwer vorstellbar, dass das gegen Eintracht Braunschweig geschehen kann, eine Mannschaft, die zuletzt so erfolgreich war. Noch heute habe ich wenig Hoffnung für dieses nächste Heimspiel. Jetzt muss ich schon auf Hoffnung hoffen. Oh je.

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