… das Wort ward nicht gebrochen

Einige Zeit ist es schon her, als das Studium der Soziologie einen Erstsemester während der Einführung in die Methodik der Sozialforschung auf direktem Weg zu gesellschaftspolitischen Debatten leitete. Damals, das war Anfang der 80er Jahre, begegnete man an den Universitäten immer mal wieder noch Frontverläufen aus der Zeit der Studentenbewegung. Dann ging es in Seminarräumen plötzlich darum, ob statistische Erhebungen nicht Machtinteressen dienten und ob uns die Erzählung vom Einzelfall im Gegensatz zur Statistik nicht sehr viel mehr über Probleme der Gesellschaft sagt.

Als Fußballzuschauer wissen wir natürlich schon immer, was in der Soziologie erst später wieder zur allgemeinen Lehre wurde, die eine Betrachtung der Wirklichkeit schließt die andere nicht aus. Die Zahlen der Tabelle spiegeln Wahrheit wider, und durch ein 2:2-Unentschieden erhält der MSV Duisburg den immer gleichen einzigen Punkt. Vor 14 Tagen war das so gegen RW Ahlen, an diesem Wochenende war es erneut so gegen den FC Augsburg. Die Qualität des 2:2-Unentschiedens spiegelt sich in den Zahlen aber nicht wieder. Diese Qualität lässt sich nur durch das Erzählen vom Spiel selbst ermitteln.

War das 2:2-Unentschieden vor 14 Tagen eine gefühlte Niederlage, so war das Spiel am Samstag ein gefühlter Sieg. In den ersten zehn Minuten war noch zu merken, wie auf dem Spielfeld um die grundsätzliche Ausrichtung des Spiels gerungen wurde. Die Augsburger wollten ins Spiel kommen, der MSV Duisburg ließ sie aber nicht. Entschlossen und früh wurde verteidigt. Es gelang, schnell auf den Angriff umzuschalten. Die Augsburger waren gezwungen, sich immer weiter in ihre Hälfte zurück zu ziehen. Allerdings stand die Augsburger Abwehr innerhalb des Strafraums ebenfalls recht sicher – bis auf den Patzer  von Uwe Möhrle, der zur Großchance mit dem Lattentreffer von Änis Ben-Hatira führte.

Auch wenn sich diese große Torchance von Änis Ben-Hatira nach einem Ballvortrag auf dem linken Flügel ergab, gefährlich wurde es immer wieder vor allem auf der rechten Seite. Zunächst zeigte Olcay Sahan dort ein großes Spiel, bis er nach der Auswechslung von Caiuby ab der 60. Minute auf dem linken Flügel damit weiter machte. Er war sicher im Dribbling, fand fast immer den rechten Moment, um abzuspielen und kam alleine oder im schnellen Passspiel immer wieder an den Rand des Augsburger Strafraums. Für die dauerhafte Torgefahr fehlte dann aber einer der verletzten Stürmer.

Selbst die 1:0-Führung der Augsburger durch ihre erste Chance per Sonntagsschuss brachte den MSV nicht aus dem Tritt. Sogar nach dem 2:0 in der 64. Minute war nur kurz die Enttäuschung bemerkbar. Die Mannschaft wollte nicht aufgeben. Trotz des ersten Elfmetertores konnte ich noch nicht an den guten Ausgang des Spiels glauben, weil es zu wenig wirklich gefährliche Chancen gab. Da kam der zweite Elfmeter natürlich zupass. Als Christian Tiffert antrat, konnte ich erst nicht hinsehen. Nur aus dem Augenwinkel sah ich den Schuss und war sofort erleichtert, weil der Ball eine halbhohe Flugbahn nahm. So sehen sicher verwandelte Elfmeter aus, das habe ich in Worten natürlich nicht gedacht, aber gefühlt. Der Ausgleich war so gerecht, so sehr hatte die Mannschaft das Spiel bestimmt, so viel hatten sie für das Spiel gegeben.

Die beiden Energiequellen des Spiels zeigten sich für mich im unterschiedlichen Jubel von Sahan und Tiffert. Da gab es den Überschwang der Freude bei Sahan und die konzentriertere, stillere Freude bei Tiffert, in der eher Bestätigung zum Ausdruck kam. Konzentrierte Arbeit bei gleichzeitiger Spielfreude waren die Schlüssel für diesen noch gelingenden Ausgleich.

Als Stichworte zu einzelnen Spielern fällt mir noch ein: Olivier Veigneau knüpft an seine starke letzte Saison an. Ivica Grlic wirkt als unverzichtbarer Ruhepol in dieser Mannschaft. Für Caiubys so häufig kraftlos wirkende Spielweise gelingt ihm zu wenig. In einer so engagiert wirkenden Mannschaft kann er von seinen Mitspielern nur mitgetragen werden, wenn er bei dieser Spielweise punktuell wirkungsvoll ist und das heißt Vorlagen geben oder Tore erzielen.  Überhaupt nicht nachvollziehbar ist für mich die  Bewertung von Kristoffer Andersen im RevierSport. Meiner Meinung nach gehörte er zu den besten Spielern des Spiels. Hinten war er als Außenverteidiger schnell und sicher am Mann, nach vorne machte er das ganze Spiel über immer wieder Druck über die rechte Seite, wenn er entweder im Direktpassspiel mit Sahan bis an die Grundlinie ging oder im Eins-gegen-Eins-Dribbling gerade zum Ende des Spiels hin alleine zwei, manchmal drei Gegner ausspielte und ihm dann noch eine vernünftige Anschlussaktion gelang.

Das Geschehen nach dem Spiel auf den Stehplätzen wird angesichts der Mannschaftsleistung zur Randnotiz.  Eins nur scheint mir so offensichtlich zu sein –  der Rest dessen, was mir zum Thema Fans durch den Kopf geht, wird einmal mehr auf einen eigenen Beitrag verschoben –  also, Konflikte entwickeln häufig eine eigene Dynamik, die die Konfliktpartner dann immer ähnlicher werden lassen. Der eigentliche Anstoß des Konflikts gerät dabei allmählich in Vergessenheit. Es ist interessant, dass das selbst in Fußballstadien bei der Auseinandersetzung zwischen einer Fangruppierung und den Vereinsverantwortlichen so ist. Die im Konflikt angewendeten Mittel dienen dann nur noch der Aufrechterhaltung des Konflikts, und der Konflikt selbst wird zum Sinn des Daseins. Auch bei Tina ist zu lesen – gerade in den Kommentaren – andere Fans haben für diese Art Auseinandersetzung mit dem Verein wenig Verständnis. Diese Fans sind nach dem Spiel zufrieden gewesen, so wie es Milan Sasic versprochen hatte.  Sein Wort ward nicht gebrochen. Es brauchte dazu nur ein Spiel Anlauf.


1 Response to “… das Wort ward nicht gebrochen”


  1. 1 Kees Jaratz 26. Januar 2010 um 12:16

    Anscheinend ist wieder einmal die Datenbank bei Der Westen durcheinander gekommen. Der Trackback stand einst unter einem anderen Artikel. Das zur Erklärung, wenn ihr hier etwas über Fußball im Sauerland lesen wollt.

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